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27. Januar 2020
Gastkommentar im Hanauer Anzeiger

Organspende

Nächstenliebe?
In Deutschland spenden pro Jahr nur knapp 1.000 Menschen nach dem Tod ihre Organe während fast 10.000 Patienten dringend auf ein Spenderorgan warten. Über 84 Prozent der Deutschen stehen der Organspende positiv gegenüber, aber nur ein Drittel hat einen Organspendeausweis. In der letzten Sitzungswoche hatte ich im Bundestag deshalb die Widerspruchslösung unterstützt, die auch in vielen anderen europäischen Ländern praktiziert wird. Damit hätte jeder, der nach dreimaliger Information nicht widersprochen hätte, als möglicher Organspender gegolten. Leider wurde nach guter Debatte ohne Fraktionszwang stattdessen ein Gesetzentwurf beschlossen, der lediglich die Information über die Organspende, z.B. beim Abholen des Personalausweises, verbessern soll. Das wird kaum etwas bringen. Das Hauptargument gegen die Widerspruchslösung war, dass eine Organspende ein Akt der Nächstenliebe sei, der nur freiwillig geleistet werden könne. Freiwilligkeit wäre allerdings auch bei der Widerspruchslösung der Fall gewesen. Niemand wäre gegen seinen Willen zur Organspende gezwungen worden, jeder hätte ohne Begründung jederzeit leicht widersprechen können. Und das Argument, das eine Organspende eine reine Frage der Nächstenliebe sei, halte ich für sehr fragwürdig. Denn jede und jeder kann selbst von heute auf morgen durch einen Unfall oder eine Krankheit in die Lage kommen, auf ein Spenderorgan angewiesen zu sein. Deutschland ist im europäischen Vergleich im Verhältnis zur Einwohnerzahl das Schlusslicht bei den Organspenden. Wir importieren Organe aus den Ländern, in denen die Menschen auch wegen einer Widerspruchslösung mehr Organe spenden. Damit verschlechtern wir die Chancen der Patienten dort auf ein lebensrettendes Organ während wir hier gleichzeitig von Nächstenliebe reden.

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