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31. Januar 2013
Bericht aus Berlin

Bericht aus Berlin 31.01.2013

Selbst im sonst so hektischen Berliner Politikbetrieb gibt es sie, die stillen Momente. An diesem Mittwoch, als der Bundestag in einer Feierstunde der Opfer des Nationalsozialismus gedacht hat, war so ein Moment des Innehaltens. Eigentlich fällt der Gedenktag auf den 27. Januar, da das aber in diesem Jahr ein Sonntag war, hat der Bundestag die Gedenkveranstaltung am Mittwoch nachgeholt, die somit auf den Tag fiel, an dem sich auch die Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 zum 80sten Mal jährte. Ein doppelt historisches Datum also.
Gastrednerin in diesem Jahr war die deutsch-israelische Schriftstellerin Inge Deutschkron. Sie überlebte den Holocaust im Berliner Untergrund und engagiert sich bis heute für Demokratie und Menschenrechte. In ihrer Rede, die mich sehr bewegt hat, hat sie uns ihre Lebensgeschichte geschildert. Sie sprach darüber, wie sie als zehnjähriges Mädchen die Machtübernahme der Nazis erlebt hat. Sie berichtete uns von den ersten Anfeindungen auf der Straße, die sie nicht verstanden hat, weil sie damals noch gar nicht gewusst habe, was eine Jüdin ist und warum sie anders als die anderen sein sollte. Sie erzählte davon, wie Menschen sie plötzlich mieden, wenn sie ihren gelben Stern bemerkten, wie auch die Übergriffe immer mehr wurden.
Nichts ist beeindruckender als solche Berichte von Zeitzeugen, die die Erinnerung an die noch immer unfassbaren Geschehnisse wach halten. Mir hat die Rede jedenfalls noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt, dass wir auch heute immer wachsam bleiben müssen, wenn es um Antisemitismus, Volksverhetzung und braunes Gedankengut geht. Wehret den Anfängen – das ist nicht ein Schlagwort, das ist eine Aufforderung an uns alle.
Das beste Rezept dafür ist das Erinnern. Und da die Zeitzeugen immer weniger werden, ist es nun an uns, ihre Erinnerungsarbeit fortzusetzen. Die Stolpersteine in Gelnhausen sind ein gutes Beispiel dafür. Das ist eine wirklich tolle Initiative, die uns immer wieder klar macht, dass die Opfer mitten unter uns gelebt haben, Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft waren, die mit uns im Alltag friedlich zusammengelebt haben.
Die Erfahrung zeigt, dass Demokratie, Menschenrechte und Freiheit zerbrechliche Güter sind. Wir wollen sie verteidigen und uns gegen jene wehren, die diese Güter in Frage stellen. Wir wollen uns wehren gegen Gewalt und Rassismus. Ich halte es daher auch für richtig, dass wir uns als wehrhafte Demokratie beweisen und ein Verbot der NPD anstreben, einer Partei, die mit Steuergeldern Rassismus und Antisemitismus verbreitet. Es ist das Mindeste, was wir tun können. Wir sind es Menschen wie Inge Deutschkron schuldig.

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