Pressemitteilung:

Berlin, 07. Juli 2011
07.07.11

STELLUNGNAHME ZUR PRÄIMPLANTATIONSDIAGNOSIK (PID)

Persönliche Erklärung von Dr. Sascha Raabe

Am Donnerstag, den 07.07.2011, wurde im Deutschen Bundestag über das schwierige Thema Präimplantationsdiagnosik (PID) abgestimmt. Es gab keine Abstimmungsempfehlung der Fraktion, weil es sich bei diesem sensiblen Thema nicht um eine politische Sachfrage, sondern um eine reine Gewissensentscheidung handelt. Mit dieser Stellungnahme möchte ich Ihnen – auch auf Grund der vielen Zuschriften die ich von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Wahlkreis erhalten habe – die Beweggründe für mein Abstimmungsverhalten ausführlich erläutern. Ich habe den Antrag, der von meiner Kollegin Dr. Carola Reimann mit initiiert wurde, unterstützt, der auch die Mehrheit im Deutschen Bundestag gefunden hat. Den Gesetzesantrag können Sie sich unter http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/054/1705451.pdf herunterladen. Im Kern lässt dieses Gesetz die PID in streng begrenzten Ausnahmefällen zu.
Seit langem setze ich mich als Politiker und Katholik mit dem Thema Präimplantationsdiagnosik (PID) auseinander. Der Staat hat eine besondere Verantwortung für den Schutz geborenen und ungeborenen Lebens. Dieser Verantwortung stelle ich mich. Dabei bezieht sich der zu achtende Schutz zum einen auf den ungeborenen Embryo. Zum anderen gilt es Frauen vor schweren physischen wie seelischen Belastungen bei einer möglichen Spätabtreibung oder einer lebenslangen Intensivbetreuung eines schwerstbehinderten Kindes zu schützen. In beiden Fällen ist es eine Entscheidung des Gewissens. Außer Frage steht für mich, dass ein schwerstbehindertes Kind genauso liebens- und lebenswert wie ein nichtbehindertes Kind ist.

Viele Paare, die gerne Kinder bekommen möchten, aber genetisch vorbelastet sind, befinden sich in einem Konflikt. Ihren Wunsch, nach einem eigenen, gesunden Kind müssen sie gegenüber einer risikobehafteten Schwangerschaft und möglichen Lebensrisiken für das Kind, verursacht durch schwere Krankheit, gegeneinander abwägen. Eine Entscheidung die nicht leicht fällt und eine hohe Belastung für das Paar darstellt.

Der Wunsch nach einem eigenen Kind ist vollkommen verständlich. Genauso wie der damit verbundene Wunsch, ein kleinstmögliches Risiko für Kind und Mutter einzugehen. Für mich stellt die Präimplantationsdiagnosik eine Chance dar, dieses Risiko, gerade im Vergleich zur extrem problematischen Spätabtreibung, zu verringern. Daher bin ich der Meinung, dass die PID in Ausnahmefällen zulässig sein soll.

Immer wieder höre ich das Argument, mit der Erlaubnis zur PID wird der genetischen Selektion Tor und Tür geöffnet. Das ist nicht der Fall. Es geht hier nicht um Schönheits- oder Geschlechtsmerkmale, sondern um die Vermeidung schwerster Krankheiten und Behinderungen. Zur Vermeidung von Missbräuchen soll eine interdisziplinäre Ethik-Kommission entscheiden, ob eine PID in Anspruch genommen werden kann oder nicht. Im Vorfeld der PID soll eine sorgfältige Diagnostik bei beiden Partnern nach strengen und standardisierten Kriterien erfolgen. Nur lizensierte Medizin-Zentren werden eine solche Untersuchung durchführen dürfen.
Manchmal höre ich das aus meiner Sicht sehr problematische Gegenargument, dass es durch die Einführung der PID künftig kaum noch behinderte Menschen gäbe und die verbliebenen Menschen mit Behinderungen dann als noch mehr „unnormal“ angesehen würden. Davon abgesehen, dass meiner Erfahrung nach Menschen mit Behinderungen keineswegs anderen die gleichen Beeinträchtigungen wünschen, ist zu bedenken, dass es gerade einmal 2-3 Prozent der Menschen mit Behinderung sind, deren Behinderung auf einen genetischen Defekt zurückzuführen ist. Fast 90 Prozent aller Behinderungen entstehen im Lauf des Lebens (Arbeits- und Verkehrsunfälle, Impfschäden, etc.) und lediglich 10 Prozent der Behinderungen existieren von Geburt an, die meisten durch die Geburt selbst. Die PID schließt somit eine Behinderung per se nicht aus. Sie minimiert jedoch das Risiko auf eine schwere erblich bedingte Behinderung. Dieses Risiko zu minimieren halte ich für legitim.

Dem immer wieder aufgeworfenen Argument, Behinderte würden durch die Diskussion um die PID diskriminiert und zu Menschen zweiter Klasse degradiert, kann ich nicht folgen. Die Akzeptanz von Behinderten in der Gesellschaft entscheidet sich nicht in der Frage einer beschränkten Zulassung der PID, sondern im täglichen verständnisvollen Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen. Ich habe meinen 20-monatigen Zivildienst in der Selbsthilfe Körperbehinderter Hanau/Gelnhausen e.V. absolviert. Dabei arbeitete ich mit geistig und körperlich behinderten Menschen eng zusammen. Ich habe diese Menschen sehr lieben und schätzen gelernt. Für mich ist es einerlei, ob jemand eine Behinderung hat oder nicht. Jeder Mensch trägt etwas Besonderes in sich, das ihn so einzigartig macht – losgelöst von geistigen oder körperlichen Einschränkungen. In den vielen Gesprächen, die ich schon damals wie heute immer wieder mit Eltern mit behinderten Kindern führte und führe, bestätigen die Eltern wie sehr sie ihre Kinder lieben und um nichts in der Welt auf sie verzichten würden wollen. Im gleichen Atemzug sagen viele aber auch, dass sie die unheimlich hohe, lebenslange Belastung und Verantwortung keinem anderen wünschen und auch oft mit dem Leid ihrer Kinder mitleiden. Zwar wiegt für viele die Liebe zu ihren Kindern diese hohe Belastung auf, aber nicht alle Menschen können soviel Kraft und Energie dauerhaft aufwenden, ohne nicht selbst daran zu Grunde zu gehen. Für mich ein sehr verständnisvolles Argument mit viel Gewicht. Es muss unsere Aufgabe sein, Menschen mit Behinderung noch stärker gesellschaftlich zu akzeptieren und auf sie so einzugehen, dass sie ein weitgehend barrierefreies, eigenständiges und unabhängiges Leben führen können. Das fängt beispielsweise mit der Integration behinderter Kinder in Schulen, der Ausstattung barrierefreier Bahnhöfe und der Selbstverständlichkeit bei der Einrichtung eines behindertengerechten Arbeitsplatzes an. Hier bedarf es einiger Nachbesserungen, um das Bild behinderter Menschen als Teil unserer Gesellschaft noch stärker zu verankern.

Eine Schlüsselfrage der PID liegt in der Beantwortung der Frage, wann Leben entsteht. Hierauf gibt es unterschiedliche Interpretationen. Die Katholische Kirche hat hier einen eindeutigen Standpunkt. Für mich ist die Beantwortung schwierig. Wenn ich aber abwägen soll, ob ein bereits im Mutterleib heranwachsendes Embryo durch die Möglichkeit der Spätabtreibung die Chance auf Leben genommen wird oder ob eine befruchtete Eizelle in einem Reagenzglas nicht in den Mutterleib eingesetzt wird, dann halte ich zweites für ethisch vertretbarer.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit der sogenannten Nidationshemmung. Die Pille danach oder die Spirale als Verhütungsmittel verhindern, dass sich eine bereits befruchtete Eizelle in der Gebärmutter der Frau einnistet. So gesehen kann darauf verwiesen werden, dass die Schwangerschaftsverhinderung durch Verhütung mittels der Spirale, streng genommen auch die Fortentwicklung eines im Frühstadium befindlichen Embryos verhindert. Diese Art der Verhütung ist jedoch zulässig und anerkannt.

Das Thema PID hat mich in den letzten Tagen sehr intensiv begleitet und auch viele Menschen bei uns im Main-Kinzig-Kreis. Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen zahlreiche Zuschriften zu diesem Thema erhalten, für die ich mich bedanke. Die Sorgen, die darin zum Ausdruck gebracht wurden, nehme ich sehr ernst. Die Briefe haben aber auch die Vielfalt der Meinungen widergespiegelt. Das zeigt: Es gibt in der Frage kein schwarz und weiß. Es handelt sich um eine Gewissensentscheidung, die nach persönlichem Abwägen der Argumente jeder für sich selbst entscheiden muss. Ich habe hier meine Entscheidung getroffen. Aber auch wenn ich meine Entscheidung bei der heutigen Abstimmung getroffen habe, werde ich mich mit dem Thema weiterhin auseinandersetzen. Dafür ist es zu wichtig, als dass man nach so einer Abstimmung einen Haken hinter die Sache machen kann, ohne die nun angestoßene Entwicklung zu verfolgen.

Ich hoffe, sehr gehrte Leserinnen und Leser, dass ich Ihnen mit meiner Stellungnahme die Beweggründe für mein Abstimmungsverhalten verständlich aufzeigen konnte. Ich bitte meine persönliche Gewissensentscheidung zu respektieren, auch wenn der eine oder die andere zu einem anderen Ergebnis kommt.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Dr. Sascha Raabe

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