Pressemitteilung:

12. Dezember 2014

Flucht mit falschem Pass: „Wie ein Drehbuch für einen Spielfilm“

Dr. Sascha Raabe als „lebender Adventskalender“ im Altenheim Domicil
Eine Lebensgeschichte wie ein Drehbuch für einen Spielfilm: Bundestagsabgeordneter Dr. Sascha Raabe lauschte als „lebender Adventskalender“ den Erzählungen von Irma Reiche.
+Eine Lebensgeschichte wie ein Drehbuch für einen Spielfilm: Bundestagsabgeordneter Dr. Sascha Raabe lauschte als „lebender Adventskalender“ den Erzählungen von Irma

Hanau. Berlin, Mauerbau und Flucht – ein bewegendes Kapitel deutscher Geschichte stand im Mittelpunkt des Besuchs von Dr. Sascha Raabe bei Irma Reiche. Der Bundestagsabgeordnete wartete bei der fidelen 95-Jährigen quasi als „lebender Adventskalender“ im Hanauer Altenwohnheim Domicil an der Nordstraße auf. Der SPD-Politiker gehört zu den Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, die im Rahmen der Initiative des Vereins „vereint helfen“ um die Vorsitzende Gesine Krotz Menschen besucht, die nicht mehr im gewohnten Umfang am gesellschaftlichen teilnehmen können.
Raabe berichtete von seiner Tätigkeit in Berlin, lauschte aber vor allem dem beeindruckenden Lebenslauf von Irma Reiche, in dem der 46-Jährige viele Parallelen zu seiner eigenen Familiengeschichte entdeckte. Auch Raabes Eltern stammen aus Ost-Berlin, flüchteten wegen des Mauerbaus und ließen sich später in Frankfurt nieder. „Aber ihre Geschichte ist wie ein Drehbuch für einen Spielfilm“, befand der Bundestagsabgeordnete.
Als am 13. August 1961 mit dem Beginn des Mauerbaus Berlin endgültig geteilt wurde, weilte Irma Reiches Mann beruflich in Wuppertal. Nur Tage später gelang ihrer Tochter mit dem Ehe-gatten über eine Friedhofsmauer und dank eines zufällig vorbei-kommenden Übertragungswagens des Rundfunks die Flucht in den Westen. Die gebürtige Schlesierin wartete ab. „Ich habe täglich für einige Minuten einen Fensterplatz in einer Wohnung an der Bornholmer Brücke gebucht, für den ich sogar Miete bezahlt habe. Von dort konnte ich Blickkontakt mit meinem Mann halten. Das ging vier Monate lang so“, erinnert sich die 95-Jährige, die in ihrer Erzählung sogar Details wie Wochentage und Wetter nicht vergessen hat. Ein „farbiger Diplomat“ brachte ihr Post von ihrem Gatten – und eines Tages den Pass einer britischen Staatsbürgerin.
10. Dezember 1961 – der Tag der Flucht war gekommen. Irma Reiche ließ sich die Haare schwarz färben, ließ alles bis auf ihre Handtasche hinter sich, stieg mit falschem Pass in ein Taxi zum Bahnhof Friedrichstraße. Sie wurde fünfmal kontrolliert, musste den Hut abnehmen und die Schuhe ausziehen. Aber keiner sprach sie direkt an – zum Glück, denn sie konnte kein Wort Englisch. In der leeren S-Bahn brach sie weinend zusammen. Minuten später nahm sie ihr Mann am Bahnhof Lehrter Straße in die Arme.
Mit nichts außer ein paar geschenkten Tassen und Tellern be-gann das neue Leben in Berlin-Spandau. Weil sich Tochter und Schwiegersohn in Hanau-Mittelbuchen niedergelassen hatten, zog es die Reiches nach Frankfurt, wo sie 40 Jahre lebten. „Frankfurt hat mir nicht so gut gefallen wie Berlin. Aber die Umgebung war toll zum Wandern“, erzählt die 95-Jährige, die als Rechtsanwaltsgehilfin wieder beruflich aktiv wurde. „Nach 20 Jahren als Hausfrau war in einer leeren Wohnung nicht mehr zu tun“, sagt Irma Reiche mit einem Lächeln. Seit drei Jahren lebt sie im Domicil Hanau. „Hier ist es schön, weil der Schlossgarten und die Kinzig für einen Spaziergang so nahe sind.“

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